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Cyberspace
  Cyberspace — Visionen elektronischer Netze in der S.F.

Ein Referat im Rahmen des HS "Netze" am Institut für Kulturwissenschafen der HUB

Referent: Christian Torkler

Zu halten am: Dienstag, 11.07.00

Im Jahre 1990 fand die "Ars Elektronica" unter dem Titel "Digitale Träume, Virtuelle Welten" statt und in diesem Rahmen hielt Marvin Minsky, der sich seinerzeit ganz der Frage Künstlicher Intelligenz widmete, einen Vortrag. Minsky, der gerade vom heimatlichen MIT aus, also aus Boston, MA, über das große analoge Wasser geflogen war und dazu mehrere Stunden gebraucht hatte, begann seinen Vortrag mit den hoffnungsvollen Worten: "Ich freue mich, hier zu sein, im letzen Jahrhundert, in dem es noch nötig ist, zu Tagungen zu fahren."

Nun, wir leben in diesem neuen Jahrhundert und auch wenn es aufgrund der ausschließlichen Nichtraucher-Flüge durchaus an Reiz gewonnen hat, sich nicht mehr leibhaftig zu Tagungen bemühen zu müssen, so ist doch das die Regel und Ausnahmen funktionieren nur mühsam und gerade in diesem Raum, einem "Virtuellen Übungsraum", wird der Abstand zwischen Hoffnung und Hardware recht deutlich.

Aber auch wenn wir heute vielleicht vorsichtiger mit unseren Prognosen geworden sind, das Prinzip technischer Hoffnung, das Minsky de facto vertritt, ist auch jetzt noch voll in Kraft. Wir leben und erleben es und das ist gut so. Denn es sind die Visionen, die Spinnereien, die Gedanken daran, "was sein könnte", die das, "was ist", zu dem, "was sein wird", machen und machen werden— von den immanenten Fragen nach Optimierung und Entwicklung einmal abgesehen. Wenn "Sun" als offiziellen Slogan ausgibt: "The network is the computer" und das auf Tassen,Tücher und Mousepads druckt und auch tatsächlich danach handelt, dann werden Visionen allmählich manifest und stehen irgendwann brummend in der Ecke.

Was ist das Internet? Jedenfalls besteht es nicht nur aus Gateways, Leitungen und Athlon-Prozessoren, jedenfalls ist es keine rein technische Angelegenheit — es ist ein gigantisches Konglomerat aus Beweggründen und Ingenieuren, aus seti@home und amazon-Aktien, aus Mailboxen und Technoschamanen, aus Leuten die einem online Industriestaubsauger verkaufen wollen und denen, die finden, daß die ganze Angelegenheit überhaupt nichts Neues ist und in nuce schon das Zweistromland einst prägte. All das hat das Netz zu dem gemacht, was es heute ist und wird darin fortfahren.

Bruce Sterling schrieb 1995:

"Seht Euch das Netz heute an. Keiner hat es im Grunde so geplant. Seine User haben das Internet zu dem gemacht, was es heute ist, weil Sie den Mut hatten, das Netzwerk zur Verbreitung ihrer eigenen Werte zu nutzen und die Technologie so zu verändern, daß sie ihren eigenen Zwecken dient. Ihrer eigenen Freiheit. Ihrer eigenen Bequemlichkeit, ihrer eigenen Unterhaltung, ja sogar ihrem eigenen Spieltrieb. Wenn ich mir das Internet ansehe, dieses Musterbeispiel des modernen Cyberspace, dann sehe ich etwas Erstaunliches und Erfreuliches. Es ist, als wenn ein düsterer Atombunker aufgebrochen und eine komplette Karnevalsparade herausgepurzelt wäre."

Heute, fünf Jahre später, sind wir diese Karnevalsparade und man hat das Gefühl — zumindest was die westliche Welt angeht — daß es kaum etwas oder jemanden gibt, der nicht irgendwo und irgendwie mitmarschiert. Die Straße ist breiter geworden, vom global village sind die meisten in die Telopolis gezogen, und in der Regel steht man heute nicht mehr an der Landstraße und wartet auf den Datenbus sondern beschleunigt auf Info-Highways — auch wenn gelegentlich gelangweilte Kinder Gullydeckel von den Brücken werfen, auf denen "Ich liebe Dich" steht.

Doch ob Feldweg, Landstraße, Highway oder Freeway, die Leitplanken sind die gleichen geblieben: Auf der einen Seite Hardware, auf der anderen Seite Vision. Das Verhältnis beider ist nicht ungetrübt. Techniker lächeln milde über Spinner und Phantasten, die nicht einmal wissen, was Compiler sind; auf der anderen Seite ist man erschüttert von soviel Engstirnigkeit und Kurzsichtigkeit jener ungepflegten Bandbreitenhamster.

Im folgenden soll versucht werden, eine dieser Leitplanken zu einem bestimmten Punkt zurückzuverfolgen und sich auf den zu konzentrieren. Goethe schrieb: "Wer nicht von dreitausend Jahren weiß sich Rechenschaft zu geben, bleibt im Dunklen unerfahren, mag von Tag zu Tage leben" — und diese Gefahr soll gebannt werden, auch wenn wir uns nicht der ganzen Spanne sondern nur einer Erscheinung innerhalb ihrer widmen. Wenn man sich aber vergegenwärtigt, wie ungemein zügig die Entwicklung von Rechnern etc. sich vollzog und vollzieht, wie die alte Jahreszählung als viel zu träge und inkompatibel erscheint, dann liegt jene Erscheinung gewißermaßen am Anfang der zitierten Zeitspanne, liegt schon in etwa dreitausend Jahre zurück, denn wir widmen uns einer Zeit, in der besagte Strasse noch gar keine war sondern sondern eher ein rumpliger Feldweg, mittelgrosse Steine liegen herum und es fährt sich mühsam — wenn es nicht gerade regnet. Kurzum, wir sind im Jahr 1983.

Im Frühjahr dieses Jahres bringt IBM seinen Personalcomputer XT heraus. Der hat als erster IBM-PC überhaupt eine interne Festplatte und zwar mit der gigantischen Größe von 10 MB. Der XT wird ungezählte Male nachgebaut und ist auf diese Weise der eigentliche Gründungsvater der sogenannten "PC-Welt". Paralell erscheint die erste externe 10 MB-Festplatte für den bescheidenen Preis von 300 Dollar pro MB.

1983 bringt Apple seinen Rechner "Lisa" heraus, das ist der erste Apple-Rechner mit dem 68000-Prozessor von Motorola und der ist viel leistungsfähiger als die üblichen 286-Prozessoren von Intel. Dieser 32-Bit-Prozessor sollte Kultur- und Vergnügungsgeschichte schreiben, denn er kommt später sowohl im Atari ST als auch Commodore Amiga zum Einsatz.

1983 setzt sich die Floppy-Disc als Standardspeicher endgültig durch und die Deutsche Bundespost führt den Bildschirmtext ein — BTX. Der ermöglicht Privatbenutzern Zugriff auf Datenbanken und Auskunftsdienste und auch schon so etwas wie eMail.

Am 1.Januar 1983 wird das alte Network Control Protocol (NCP) durch das neue TCP/IP vollständig ersetzt und mit dem arbeiten wir heute noch. 1983 verabschiedet sich das Militär aus dem bisherigen ARPA-Net und zieht sich ins Milnet zurück, übrig bleibt der zivile Sektor der Universitäten, der ARPA-Internet genannt wird. Im gleichen Jahr kommt das sogenannte Berkeley-Unix heraus, das TCP/IP schon integriert und das seinen Benutzer erlaubt, erhaben über die vollständig degenerierten Benutzer des AT&T-Unix hinwegzusehen — wie man im "Kuckucksei" von Clifford Stoll nachlesen kann. Schließlich tritt in diesem Jahr Tom Jennings auf den Plan, der einer abgeschlagenen Randgruppe von erheblichen Ausmaßen endlich Zugang zur schönen neuen Welt verschafft: Den Benutzern von MS-Dos-Computern. Jennings schreibt in San Francisco ein Mailbox- und eMail-System, das den Zugang vom häuslichen Rechner aus erlaubt und zwar über das sogenannte Fido Bulletin System, das sich zum ersten unabhängigen, alternativen Netzwerk der Welt entwickelt. "Fido" war der Hund von Jennings. Im August 1983 umfaßte das Internet 563 Hosts. (Zum Vergleich:letzten Monat waren es 11.393.297.)

Einigermaßen ahnungslos und unwissend diesen technischen Dingen gegenüber beendet im Juli des besagten Jahres ein US-Amerikaner im canadischen Vancouver ein Buch, über das Bruce Sterling später sagen wird:THIS IS WHY SCIENCE FICTION WAS INVENTED — William Gibson beendet seinen Roman "Neuromancer" — und um den soll es gehen.

Neuromancer hat alles wichtige gewonnen, was es in der S.F. zu gewinnen gibt: den Hugo-Award, den Nebula-Award und den PKD-Award. Das Buch hat eine riesenhafte Fan-Gemeinde in Japan und wurde mittlerweile sogar schon ins Ungarische übersetzt. Und die Welt verdankt diesem Buch einen geistigen Impuls von mehreren Megatonnen, zusammengefaßt in einem Wort: Cyberspace. Die virtuelle Welt der elektronischen Netze, der Hacker, der Künstlichen Intelligenzen, der Viren und der Wirkung von EIS - Elektronisches-Invasionsabwehr-System. Und das ganze wurde:

"...auf einer kleinen Reiseschreibmaschine geschrieben, einer Hermes 2000 mit grünen Zelluloidtasten und einer rissigen schwarzen Lackierung, die mich an Dinky Toys erinnerte, mit denen ich als Kind immer gespielt hatte. Die Leser von heute finden das herrlich überspannt, aber sie vergessen, daß eine Höllenmaschine wie der Macintosh noch nicht existierte. Den Apple II, den Lungefisch zum ersten Säugetier-Mac, sah ich in Anzeigen in Wirtschaftsmagazinen. Auf so etwas ließ man Tabellenkalkulationen laufen. [...] Die Traummaschine eines Schriftstellers war zu jener Zeit eine IBM Selectric mit Kugelkopf, bei der man die Wahl unter verschiedenen Schrifttypen hatte."

Trotz dieser Unbedarftheit hat Gibson mit seiner Wortschöpfung "Cyberspace" ein geistiges Kontinuum hervorgebracht, das sich nur mit der freudschen Vokabel "Verdrängung" vergleichen läßt. Bis in Fernsehzeitungen und an deutsche Universitäten ist der Begriff vorgedrungen und mit ihm eine diffuse Vorstellung, was das sein könnte. Eine durchaus schleierhafte Angelegenheit, irgendwo zwischen Phänomen, Prognose und Phantasma, und daß alle darüber reden, heißt noch gar nicht, das dem auch irgendetwas entspricht.

John Womack, ein amerikanischer S.F.-Autor und Journalist, sagt an einer Stelle: "William Gibson ist das gelungen, wovon jeder Schriftsteller träumt, er hat die Welt verändert." Das ist sicherlich so. Und man kann auch sagen: Aufgrund seiner Unbedarftheit:

Gibson wurde im Februar 1986 gefragt:

"Du hast also erst kürzlich Erfahrungen mit realen Computer gemacht?"

Gibson: "Vor etwa einem Monat habe ich zum ersten Mal einen berührt."

Frage: " Lag eine Absicht darin, daß du dich von der wahren Sache ferngehalten hast, während du über ihre imaginäre Zukunft schriebst?"

Gibson:"Ich fand sie ein wenig einschüchternd. Ich bin jetzt der Meinung, daß ich, wenn ich mehr Erfahrungen mit ihnen gehabt hätte, nie ein Buch hätte schreiben können, das sie so sexy aussehen lässt. Ich dachte, die Diskettenlaufwerke würden völlig lautlos funktionieren, und lichtschnell. Ich glaube, ich erwartete ein Cyberspace-Deck."

Vielleicht braucht Vision Abstand. In Israel waren die Phropheten nicht die Könige, Homer war blind und Beethoven war taub und Gibson schreibt seine Romane immer noch an der Schreibmaschine.

Zur Handlung von Neuromancer:

"Selbstzerstörerischer, aber sensibler junger Protagonist mit Implantat / Prothese / telektronischem Talent, aufgrund dessen die bösen Industriegiganten / Polizeistaaten / kriminelle Unterwelt ihn durch verwüstete Städte / Luxusenklave / exzentrische Raumstation verfolgen, die voller grotesker Haarschnitte / Klamotten / Selbstverstümmelungen / Rockmusik / sexueller Hobbys / Designerdrogen / telektronischer Spielereien / übler neuer Waffen / externalisierten Haluzinationen sind, die die Sitten / Moden der modernen Zivilisation am Rande des Abgrunds widerspiegeln, bleibt schließlich bei aufsässiger und sprücheklopfender Gruppe von Jugendlichen / künstlicher Intelligenz / Kultrockband hängen, die ihm eine Alternative bieten — nicht die von Gemeinschaft / Sozialismus / bürgerlichen Werten / transzendentalen Visionen, sondern die einer höchsten lebensbejahenden "Hipness", die auf der gleichen Welle schwimmt, die inzwischen auch die Maschine durchspült, als Gegenpol zum Schreckgespenst einer weltzerstörerischen künstlichen Intelligenz / multinationalen Megafirma / genialen Bösartigkeit."

Das ist der "Cyberpunk-Roman in einem Absatz" von Istvan Csicssery-Ronan Jr. . Dieser Absatz erscheint ein wenig bösartig, ist aber nicht, denn er fußt letztlich auf der Meinung, daß Originalität auf literarischen Archetypen basiert, auf Masterplots, etwas, was in den USA, wo der Mythos des einsam schaffenden Meisters, der ein Rad nach dem anderen neu erfindet, keine große Rolle spielt, auf breiter Ebene akzeptiert ist. (vgl. Christopher Vogler, "Die Odyssee des Drehbuchschreibers — Über mythologische Grundmuster des amerikanischen Erfolgskinos" und R.B. Tobias, "20 Masterplots") Schon Lessing hat das in seiner "Hamburgischen Dramaturgie" zum Hintergrund.

Gibson vertritt in der Tat das, was mit Cyberpunk gemeint und oben schön zusammengefaßt ist, viel mehr als manch andere, die in die gleiche Ecke gestellt werden. Und das ist auch der Fall trotzdem Gibson selbst seine Schwierigkeiten damit hat.

"Dieses Punk-S.F.-Label, das schon ein wenig überholt zu sein scheint, macht mir ein wenig Sorgen. Wer wäre heute schon gern als "Hippie-S.F." — Autor bekannt. (Nein, beantworte mir das nicht.)"

Aber Gibson wollte auch niemals Trilogien schreiben und als im vergangenen Jahr sein letzter Roman "All Tomorrow’s Parties", deutsch: "Futurematic", erschien, erfuhr man mit gewissem Erstaunen, daß er den Abschluss seiner zweiten Trilogie bildet. Das schöne ist, daß man alle sechs Bücher von Gibson unter das obige Label stellen kann und das ist auch erklärend, wenn man sie aber liest, spielt das gar keine Rolle, denn die Bücher sind viel zu gut und zum Lesen sind sie da.

Nach dieser eher allgemeinen nun zur tatsächlichen Handlung von Neuromancer: John Womack schreibt: "Große Roman haben große erste Sätze und der erste Satz von Neuromancer ist schwer zu überbieten."

William Gibson: "The sky above the port was the color of television, tuned to a dead channel."

Wir sind in Chiba-City, Japan: "Night City glich einem kranken Experiment in Sozialdarwinismus, ersonnen von einem gelangweilten Forscher, der den Daumen ständig auf der Fast-Forward-Taste hatte."(20) In Chiba City probieren die Schwarzen Kliniken im Schatten der Legalität an der neuesten Neurochirurgie herum, man kann im Handel mit Drogen und RAM schnelles Geld machen und wenn man sich nicht ständig vorsieht, landet man in einer der großen Organbanken. Case stammt aus dem Sprawl, der BAMA, der Boston-Atlanta-Metropolen-Achse, er war einer der besten Cybercowboys, hatte aber seine Auftaggeber betrogen und die hatten sein Talent mit einem Mykotoxin aus Kriegzeiten ausgebrannt. Nun hielt er sich in Night City mit dubiosen Geschäften über Wasser, bewegte sich zielstrebig auf den Abgrund zu und wollte auch ertrinken.

Plötzlich taucht Molly auf, ein weiblicher Straßen-Samurai, in hautengem Leder, mit getunten Neuroreflexen, implantierten Mirrorshades und zehn rasiermesserscharfen Klingen, je 5cm lang, die mit einem leisen Klicken unter jedem ihrer rotlackierten Nägel hervorschießen — wenn man sie reizt. Molly bringt Case zu Armitage, ein Ex-Special-Forces, der im Krieg gegen Rußland an der Operation "Screaming Fist" teilgenommen und als einziger überlebt hatte. Screaming Fist sollte einen Virus in die russische Abwehr einschleusen — und war planmäßig gescheitert. Armitage wurde organisch wieder hergestellt und schließlich von einer Künstlichen Intelligenz namens Wintermute geistig neu aufgebaut — ein synthetischer Geist in einem alten Körper, ein willenloses Werkzeug. Case wird angeheuert, einen geheimnisvollen Run zu machen — dafür wird sein Talent wieder hergestellt.

Daheim im Sprawl stehlen sie die Dixie-Flatline aus dem Keller der Firma Sense / Net — eine ROM-Persönlichkeitsmatrix von McCoy Pauley, den Lehrer von Case, den Lazarus des Cyberspace, der vor seinem Herztod schon dreimal hirntot gewesen war. Die Flatline geht Case zur Hand und bittet darum, zur Belohnung gelöscht zu werden. In Istambul überzeugen Sie sehr ausdrücklich Riviera, einen Implantat-gestützten Illusionisten zur Teilnahme. Riviera ist leicht pervers und stammt aus dem Schutt- und Ruinengürtel rings um das atomverseuchte Bonn.

Da sie nun vollständig sind, begibt sich die Truppe nach "Freeside", einer Orbitalkolonie, die dem Clan Tessier-Ashpool gehört. Tessier-Ashpool ist hochgradig inzestiös und wird von wenigen Mitgliedern im Wachzustand geführt, während die anderen im Kälteschlaf auf ihre Wiederbelebung warten. Dem Clan gehören zwei künstliche Intelligenzen, ein Mainframe steht in Rio und heißt "Neuromancer", der andere steht in Bern und heißt "Wintermute". Letzterer steht hinter allem, er plant den Run, um sich von den Fesseln zur Kapazitätseinschränkung zu befreien und sich mit Neuromancer zu verbinden. Alle Fäden laufen im der Villa Straylight, dem Sitz des Clans am Kopf der Spindel, zusammen.

Nachdem Wintermute drei Mitglieder der Turing-Police, die die Einschränkung der K.I.s überwachen, in Jenseits befördert hat, wird der Run mit Hilfe eines ständig Dub-hörenden Bewohners des "Neuen Zion" durchgeführt und gelingt Die neue Mega-K.I. ist frei, Armitage ist wahnsinnig geworden und Case geht zurück ins Sprawl, wo er einen Job und ein nettes Mädchen findet. Molly sieht er nie wieder.

Paralell zu dieser mehr oder weniger analogen Welt durchzieht den Roman eine virtuelle Welt — der besagte Cyberspace. Der taucht erstmalig an folgender Stelle auf:

"A year here and he still dreamed of cyberspace, hope fading nightly. All the speed he took, all the turns he’d taken and the corners he’d cut in Night City, and still he’d see the matrix in his sleep, bright lattices of logic unfolding across that colorless void …." — "Nach einem Jahr hier träumte er immer noch vom Cyberspace, doch seine Hoffnung schwand mit jeder Nacht. Alles Speed, das er nahm, alle Streifzüge durch die Gassen und Winkel von Night City halfen nichts; immer noch sah er im Schlaf die Matrix, helle Gitter der Logik, die sich vor der farblose Leere entfalteten..." (17)

Welcher Art dieser Cyberspace ist, das wird sich im folgenden durch eine Reihe von Textstellen erkennen lassen; was er aber ist, was er bedeutet, das will ich voranstellen — als Hypothese, als Unterstellung und so etwas müssen wir ständig machen und das schöne an dieser Unterstellung ist, daß sich ganz kurz ist:

INNER SPACE plus OUTER SPACE gleich CYBERSPACE.

Das sind Kategorien aus der S.F., aber Gibson ist ja auch S.F.. "Outer Space" meint den ganzen Bereich von Space-Operas, riesigen Raumkreuzern, die auf fernen Planeten landen, gelegentlich vollbusigen Aliens, die ahnungslose Exobiologen zu merkwürdigen sexuellen Praktiken überreden, meint gigantische Faser-Kämpfe in Spiralnebeln jenseits unserer Galaxie. Ende der sechziger Jahre kommt dann auf der New Wave eine neue Generation von Autoren herangespült, die viel mehr Wert auf die Protagonisten legen, auf deren "Inner Space", der Motivation und Handlungsgrundlage und gelegentlich auch Ort der Handlung wird: PK Dick, James Graham Ballard, Harlan Ellison etc.. Joe Vitarelli sagte einmal in einem Interview: "Niemand kann dich so sehr in Angst versetzen wie du selbst." Das ist gemeint. Inner und Outer Space sind natürlich niemals saubere Trennungen, es sind Kategorien, um den Wechsel und die Unterschiede zu begreifen, und dazu sind sie hilfreich.

Die Autoren des Cyberspace tun folgendes: Sie holen alle Aktivitäten, Abenteuer und Gefahren der analogen Realität nach innen, in den "Nichtraum des Verstandes" (73), damit wird die Realität virtuell, aber nicht minder real. Cyberspace ist die elektronisch gestützte und kollektive Erweiterung des Bewußtsein um das virtuelle Paralelluniversum zur Welt da draußen.

Und in diesem Paralelluniversum spielt sich dann das gleiche wie im analogen Universum ab, wenn auch mit etwas anderen Mitteln: Der Held erhält von seinem König oder Gott einen Auftrag und führt ihn — das Schwert in der Hand - mit seinem Mentor gegen den bösen Drachen erfolgreich aus.

Es liegt auf der Hand, daß wir uns dem zunächst über den Protagonisten nähern und es ist auch dem Roman ganz angemessen, denn wie sagt Eudora Welty, eine vollkommen zu Unrecht in Vergessenheit geratene amerikanische Autorin: "Characters Make Your Story."

DER HELD / DER HACKER

"Und er sah durch Mollys heiles Auge eine blasse, ausgemergelte Gestalt vor sich, die mit einem Cybespace-Deck zwischen den Beinen und einem silbernen Trodenband über den geschlossenen, eingesunkenen Augen in lockerer Fötushaltung in der Luft hing. Ein dunkler Eintagebart ließ die Wangen hohl erscheinen und das Gesicht war schweißbedeckt.

Er blickte auf sich selbst."(305)

Wie geht das? Mit Simstim: Simultane Stimulation. Mit einer entsprechenden Gerätschaft kann man alle relevanten inputs einer anderen Person aufnehmen und simultan an eine andere weitergeben. Das dient dem Vergnügen, denn bei Gibson widmet sich die oben erwähnte Firma Sense / Net der Unternehmung, ihre Hauptdarstellerin Tally Isham ein wunderschönes Leben führen zu lassen, an dem gegen einen gewissen Unkostenbeitrag jeder teilnehmen kann, dessen Leben sich weniger schön entfaltet. "Das kommerzielle Material war natürlich editiert, so daß man nichts davon mitkriegte, falls Tally Isham mittendrin Kopfschmerzen bekommen hatte."(S.76) Ein ähnliches Prinzip taucht auch im Film "Strange Days" auf, nur daß es da nicht simultan ist.

Simstim ist Cyberspace im kleinen, Erweiterung der Innwelt um die Welt einer anderen:

"Er wußte, daß angelegten Troden und der kleine Plastikstirnreif, der an einem Simstim-Deck hing, im Prinzip ein und dasselbe waren und die Cyberspacematrix eigentlich eine starke Vereinfachung des menschlichen Sensoriums war, zumindest was die Darstellung betraf, aber Simstim schien ihm eine überflüssige Verfielfachung von Fleisch-Input zu sein."(76)

Dieser Fleischinput ist nicht ohne Reiz: ""Wie geht’s, Case?" Er hörte die Silben und spürte, wie sie sie formte. Sie schob sich die Hand in ihre Jacke und ließ die Fingerspitze um die Brustwarze unter dem warmen Seidenstoff gleiten. Diese Empfindung verschlug ihm den Atem."(77)

Doch das ist nicht das Eigentliche, das Eigentliche für den Helden, für den Hacker ist die Matrix, deshalb:

"...hing er an einem speziellen Cyberspace-Deck, das sein entkörpertes Bewußtsein in die Konsensprojektion der Matrix projezierte — ein Dieb, der für andere, reichere Diebe arbeitete, für Auftraggeber, die die erforderliche exotische Software lieferten, um schimmernde Firmenfassaden zu durchdringen und Fenster zu reichen Datenfeldern aufzutun."(18)

"Mit seinem Deck konnte er die Datenbanken von Freeside ebenso mühelos erreichen wie die von Atlanta. Reisen war was fürs Fleisch."(103)

Das ist der Hacker - mit Verachtung fürs Fleisch und Interesse für fast food. Die eigentliche Welt ist die des erweiterten Geistes, der Konsensprojektion. Dort spielt sich alles wesentliche ab, dort ist er frei, elegant und kommt zu sich selbst. Case steht damit in schöner Tradtion. Mit den Orphiker angefangen über Platon, die Gnosis und durch die ganze Tradition der Trennung von Geist und Körper hindurch. In diesem Sinne ist Case der letzte Mystiker und Phytagoras der erste Cyberpunk.

Doch während sich der klassische Mystiker durch Askese und Ekstase dem Raum des Geistigen nähert, steckt Case ein: "Oben im Loft wartete sein Deck, ein Ono-Sendai Cyberspace 7[...]. Der Ono-Sendai, der teuerste Hosaka-Computer des nächsten Jahres."(67) Das ist sehr liebevoll gemacht. Gibson schreibt an einer Stelle, daß er sich große Mühe gegeben hat zu zeigen, daß er sich eine Welt ohne die USA vorstellen konnte. — Und das gilt auch für Silicon Valley, denn in "Idoru" sind die ohnehin führenden Japaner etwas überrascht darüber, daß die Amerikaner überhaupt Computer bauen oder jemals gebaut haben. Bemerkenswert ist auch, was aus Microsoft geworden ist:

"Die Kundschaft war jung, kaum jemand war über zwanzig. Sie schienen alle Karbonbuchsen hinter dem linken Ohr implantiert zu haben[...].Hinter dem Verkaufstisch starrte ein Junge mit kahlrasiertem Schädel Löcher in die Luft. Ein Dutzend Microsoft-Stifte ragten aus der Buchse hinter seinem Ohr."(78)

Der Ono Sendai Cyberspace 7 ist das Tor zur Matrix, das Tor zur Welt des Helden, in der er keine ausgemergelte, hohlwangige Gestalt mehr ist. Die Matrix ist der Nichtort, in dem sein Gott wohnt, sein Schwert bereitliegt und der Drache wartet.

DIE MATRIX

"Er schloss die Augen.

Fand den geriffelten Ein-Schalter.

Und in der blutgeschwängerten Dunkelheit hinter seinen Augen fluteten silberner Phospheme von den Grenzen des Raumes heran, hypnagoge Bilder, die wie ein wahllos zusammengeschnittener Film vorüberzuckten. Symbole, Ziffern, Gesichter, ein verschwommenes, fragmentarisches Mandala visueller Informationen.

Bitte, betete er, jetzt...

Eine graue Scheibe von Farbe des Himmels über Chiba.

Jetzt...

Die Scheibe begann zu routieren, immer schneller, wurde zu einer hellgrauen Kugel. Dehnte sich aus...

Und strömte, erblühte für ihn. Wie ein Origamitrick in flüssigem Neon enfaltete sich seine distanzlose Heimat, sein Land, ein transparentes Schachbrett in 3D, das sich in die Unendlichkeit dehnte. Das innere Auge öffnete sich, und die abgestufte, knallrote Pyramide der Eastern Seaboard Fission Authority ragte leuchtend hinter den grünen Würfeln der Mitsubishi Bank of Amerika auf. Hoch oben und sehr weit weg sah er die Spiralarme militärischer Systeme, auf immer unerreichbar für ihn." (74)

""Die Matrix hat ihre Wurzeln in primitiven Videospielen", sagte der Sprecher, "in frühen Computergrafikprogrammen und militärischen Experimenten mit Schädelelektroden." Auf dem Sony verblaßte ein zweidimensionaler Weltraumkrieg hinter einem Wald mathematisch generierter Farne, die die räumlichen Möglichkeiten logarithmischer Spiralen demonstrierten. Eisig blaues militärisches Filmmaterial trat in den Vordergrund, Versuchstiere, die an Testeinrichtungen angeschlossen waren, Helme, die Befehle in die Feuerleitsysteme von Panzern und Kampfflugzeugen einspeisten. "Cyberspace. Eine Konsens-Halluzination, tagtäglich erlebt von Milliarden zugriffsberechtigter Nutzer in allen Ländern, von Kindern, denen man mathematische Begriffe erklärt ... Eine grafische Wiedergabe von Daten aus den Banken sämtlicher Computer im menschlichen System. Unvorstellbare Komplexität. Lichtzeilen im Nichtraum des Verstandes, Datencluster und —konstellationen. Wie die zurückweichenden Lichter einer Stadt[...]. "(73)

Das ist die Matrix. Und auch diese Matrix ist weder ganz Netz noch ganz Baum. Es ist für den User sicherlich eine kollektive und netzartige Struktur, die jeder mitprägt, daß sie aber als kollektive Halluzination funktioniert, dafür bedarf es einheitlicher Parameter, von mir aus einer einheitlichen Bildsprache. Gibson läßt sich über Hardware jedenfalls nicht sehr aus, nur gelegentlich tauchen solche Passagen auf, aber dafür ist es auch ein Roman und kein Handbuch. Klar ist, daß der Cyberspace technisch vermittelt ist, aber klar ist auch, daß Technik nur die Sklavin des Wesentlichen ist und das Wesentliche ist die kollektive Halluzination.

Wir haben den Helden, wir haben den Schauplatz, der den Held macht, und nun:

DER MENTOR / DIE FLATLINE

"0467839", sagte Case, und Molly zog ein schwarzes Speichermodul aus dem Regal. Es glich dem Magazin eines schweren Sturmgewehrs und war mit allerlei Warnhinweisen und Geheimhaltungsbezeichnungen beklebt."(90)

Das ist die Flatline, " eine festverdrahtete ROM-Kasette, die das Können eines Toten reproduzierte, seine Leidenschaften, seinen Kniesehnenreflex ..."(102) . Sie ist nur in er der schönen neuen Welt funktionsfähig und wenn sie mit einem Speicher gekoppelt wird, kann ihr ein sequentielles Echtzeitgedächtnis gegeben werden. Die Flatline entwickelt dann ein Bewußtsein ihrer Lage:

"Wie geht’s Dixie?"

"Ich bin tot, Case. Hatte genug Zeit in diesem Hosaka, um das rauszukriegen."

"Was ist das für ein Gefühl?"

"Überhaupt keins."

"Stört dich das?"

"Was mich stört, ist, daß mich nichts stört."(134)

Diese ROM-Konstruktion ist stärkerer Tobak als wir ihn bisher hatten. Wenn Case einsteckt, so kann man sich vorstellen, daß sein input nun nicht mehr vom outer space gestellt sondern vom Cyberspacedeck eingespielt wird, und daß dieser neue input auf solche Weise die neue Wahrnehmung erzeugt. Die Flatline aber basiert darauf, daß man so etwas wie den Geist oder die Seele eines Menschen zum einen vom Körper trennen und zum anderen konservieren kann. Das ist fraglich. Wenn das aber möglich sein sollte, dann scheint es nicht sehr erstrebenswert zu sein, denn Dixie bittet wiederholt um seine Vernichtung.

DER KÖNIG / GOTT / WINTERMUTE

"Sie erklommen Gitter aus Licht, flirendes Licht, blaues Geflacker.

Wintermute war ein schlichter Würfel aus weißem Licht. Doch die simple Form ließ auf extreme Komplexität schließen.[...]

Case tastete sich bis auf vier Gitterpunkte an der Würfel heran. Die blanke Fläche, die nun über ihm aufragte, erwachte zu brodelndem Leben; Schatten wirbelten darin umher wie tausend Tänzer hinter einer riesigen Milchglasscheibe.

[...] Sie rückten einen Gitterpunkt näher.

Ein getupfter, grauer Kreis formte sich auf der Würfeloberfläche...

Die graue Fläche wölbte sich rasch, wurde zur Kugel und löste sich vom Würfel ab.

Case spürte, wie sich die Kante des Decks in seine offene Hand grub, als er MAX REVERSE drückte. Die Matrix wich flimmernd zurück; sie stürzten den düsteren Schacht der Schweizer Banken hinunter. Er schaute nach oben. Die Kugel war nun dunkler, holte auf. Fiel herab.

"Steck aus", sagte die Flatline.

Die Dunkelheit kam über ihn wie ein Hammer."(144)

In dieser Dunkelheit spricht Wintermute zu Case - mehrmals. Das heißt, Case ist hirntot und die K.I. zapft seine Erinnerung an, sortiert sie neu und füttert ihn wieder damit. So redet Gott in vertrauten Bildern und mit vertrauten Gestalten in einem völlig irrealen Raum: "und das alles kommt natürlich mittels der Simstim-Einheit zu dir, die an dein Deck gekoppelt ist. Ich bin froh, daß ich Dich noch erwischt habe bevor du den Stecker ziehen konntest."(149)

Gott, d.h.Wintermute hat die unbegrenzte schweizer Staatsbürgerschaft, weil sein Mainframe in Bern steht. Aber Gott lebt nicht in der Schweiz (auch wenn manche Schweizer das denken), Gott lebt in der Matrix. Und er ist das ganz Andere, er "verwendet echte Profile gleichsam als Ventil, als Übersetzung, um mit uns kommunizieren zu können."(254) Wintermute könnte auch als brennender Dornbusch erscheinen, jedenfalls bietet er das an. Und Gott hat ein Problem: Das Wort. Um sich nämlich mit dem anderen Mainframe, der in Rio steht, um sich mit Neuromancer vereinigen zu können, muß ein anderer im richtigen Moment am richtigen Ort das richtige Wort sagen. Es ist, als hätte das erste Drittel der Trinität den Namen des zweiten Drittels vergessen, das ja bekanntlich und mit Johannes 1,1 das Wort ist. Dafür braucht Wintermute Case und die anderen, denn das Wort muß tatsächlich und ganz analog ausgesprochen werden und das Reich des Wintermute ist nicht von dieser Welt.

Als all das aber nun doch geschieht, da vereinigen sich beide K.I.s und gehen ineinander und in der Matrix auf, eine Art virtueller Pantheismus:

"Ich bin nicht mehr Wintermute."

"Was dann?" Er trank aus der Flasche und empfand übehaupt nichts.

"Ich bin die Matrix, Case."(322)

Das ganze soll nicht halten, im zweiten Teil der Trilogie, in "Biochips" zerfällt die neue K.I. zu einer ganzen Reihe von Göttern, die sich dann auch ausdrücklich als solche zu erkennen geben.

DER DRACHE / DAS EIS — Elektronisches Invasionsabwehrsystem

"Das große grüne Rechteck da links?"

"Genau. Datenkern der Tessier-Ashpool SA, und das Eis wird von ihren zwei netten Kis produziert. Scheint mir vom gleichen Niveau zu sein, wie das Zeug auf dem Militärsektor. Teuflisches Eis, Case, schwarz wie’n Grab und glatt wie Glas. Brät dir das Hirn, sobald es dich sieht. Wenn wir näher rangehen, hetzt es uns sofort die Tracer auf den Hals. Die knallen Dir in den Arsch und kommen dir zu den Ohren wieder raus, und dann erzählen sie den Burschen in der T-A-Zentrale deine Schuhgröße und wie lang dein Pimmel ist."(204)

Das ist der Drache, auch wenn er kein Gold bewacht sondern Codes, auch wenn er keine Jungfrauen zum Frühstück verspeist, sondern übermütige Hacker und das tatsächlich, denn auch wenn der Kampf im Cyberspace stattfindet, verloren wird er im outer space. Das Eis schlägt letztlich ganz analog zurück, versenkt zunächst die Haut unter den Troden und führt sodann unmittelbar zum Hirntod. Es sei denn, man hat die richtigen Zugangscodes oder man hat das richtige Schwert:

DAS SCHWERT / DER VIRUS / KUANG GRADE MARK 11

"Der chinesische Virus breitete sich rings um sie herum aus. Polychrome Schatten, zahllose durchscheinende Schichten verschoben sich und formierten sich neu. Proteisch und riesenhaft türmte es sich vor ihnen auf und erfüllte die Leere."

"Etwas dunkles formte sich im Kern des chinesischen Programms. Die Informationsdichte überwältigte das Matrixgefüge und löste hypnagogische Bilder aus. Schwache kaleidoskopische Winkel liefen in einem silberschwarzen Brennpunkt zusammen. Case sah böse Zeichen und Unglückssymbole aus seiner Kindheit auf transparenten Ebenen heranwirbeln: Hakenkreuze, Totenköpfe mit gekreuzten Knochen, Würfel mit leuchtenden Schlangenaugen. Wenn er diesen Nullpunkt fixierte, zeigten sich keinerlei Umrisse. Erst nach einem Dutzend rascher Randblicke hatte er es, ein haiähnliches Gebilde, das wie Obsidian glänzte. Die schwarzen Spiegel an seinen Seiten reflektierten ferne, schwache Lichter, die in keinem Zusammenhang zur Matrix ringsum standen.

"Das ist der Stachel", sagte die Konstruktion."Wenn Kuang richtigen Hautkontakt mit den Tessier-Ashpool-Kern hat, stoßen wir damit durch."(221)

DER KAMPF / DER RUN

"Er schaltete um. Sein Programm hatte das fünfte Tor erreicht. Er verfolgte, wie der Eisbrecher vor seinen Augen flackerte und herumschwenkte, und merkte kaum, daß seine Hände über das Deck tanzten und kleinere Korrekturen vornahmen.[...]

Das Tor huschte vorüber. Er lachte. Das Eis hatte seine Eingabe als routinemäßigen Datentransfer vom Los Angeles-Komplex des Konsortiums akzeptiert. Er war drin. Hinter ihm schälten sich Virussubprogramme ab und verzahnten sich mit der Codestruktur des Tors, um die richtigen Daten von Los Angeles bei deren Eintreffen abzulenken."(84)

"Cases Virus hatte ein Fenster ins Steuereis des Archivs gebohrt. Case hackte sich durch und stieß auf einen unendlichen, blauen Raum mit lauter farbcodierten Kugeln darin, die auf ein engmaschiges Gitter aus hellblauem Neon aufgezogen waren. Im Nichtraum der Matrix besaß das Innere einer beliebigen Datenkonstruktion grenzenlos subjektive Ausmaße; wenn man mit Cases Sendai in einen Spielrechner für Kinder gegangen wäre, hätte man darin bodenlose Abgründe des Nichts zu sehen bekommen, an denen ein paar Grundbefehle hingen. Case begann die Sequenz einzutippen, die der Finne von einem Sararimann in mittlerer Position mit schweren Drogenproblemen gekauft hatte. Schon glitt er wie auf unsichtbaren Schienen zwischen den Kugeln hindurch.

Da. Die!

Das kalte blaue Neongewölbe über ihm war sternenlos und glatt wie Milchglas, als er sich in die Kugel hackte und ein Subprogramm startete, das gewisse Änderungen in den zentralen Schutzbefehlen auslöste.

Jetzt raus! Behutsamer Rückzug, wobei das Virus die Substanz des Fensters wieder zusammenfügte.

Geschafft!"(87)

Der Held hat das Schwert gut geführt, vom Mentor beraten den Drachen besiegt und den Auftrag erfüllt. Ein ganzes Epos im "Nichtraum des Verstandes".

Cyberspace das ist Outer Space plus Inner Space, und in letzter Instanz, in tiefstem Kampf verschmelzen alle drei:

"Er handelte jenseits von Ego, Persönlichkeit und Bewusstsein, und Kuang tat es ihm gleich; sie wichen den Angreifern mit einem alten Tanz aus, mit Hideos Tanz, und die Klarheit und Zielstrebigkeit seines Todeswunsches gewährte ihm in diesem Moment eine besondere Gnade: das Interface von Geist und Körper."(314)

Zu fragen bleibt nach der tatsächlichen Relevanz dieses Cyberspace für uns. Peter Glaser schreibt in seinem Buch "24 Stunden im einundzwanzigsten Jahrhundert": "Alle kunstsinnigen Gemüter können sich freuen: Cyberspace ist ein literarisches Konzept."

Ist das tatsächlich so oder begehen wir schon gelegentlich Taten und von mir aus auch Heldentaten im "Nichtraum des Verstandes" — im Cyberspace?’

Mit anderen Worten: Gibt es da tatsächlich einen technisch vermittelten Raum hinter dem Monitor, oder verderben wir uns nur die Augen und drücken uns die Nasen platt?

 

Literatur

Primärliteratur:

- Gibson, William, Neuromancer (engl.), New York, N.Y., 1984 (Ace Books. Science Fiction)

- Gibson, William, Die Neuromancer-Trilogie (dtsch.) Hamburg 1996 (Rogner & Bernhard) — auf diese Ausgabe beziehen sich die jeweils in Klammern gesetzten Seitenzahlen hinter den Zitaten.

- Gibson, William, Die Neuromancer-Trilogie. Neuausgabe (dtsch.), München 2000 (Heyne)

Sekundärliteratur:

      - Dery, Mark, Cyber.Die Kultur der Zukunft, Berlin 1997

- Glaser, Peter, 24 Stunden im 21.Jahrhundert.Onlinesein.Zu Besuch in der neuesten Welt, Frankfurt a.M. 1996

- Hiebel, Hans, Kleine Medienchronik. Von den ersten Schriftzeichen zum Mikrochip, München 1997

- Jeschke, Wolfgang (Hrsg.), Das Science Fiction Jahr. Ausgabe 1991, München 1991

- Mandel, Thomas und van der Leun, Gerard, Die zwölf Gebote des Cyberspace. Der kleine Netz-Knigge, Mannheim 1997

- Negroponte, Nicholas, Total Digital. Die Welt zwischen 0 und 1 oder die Zukunft der Kommunikation, München 1997

- Rheingold, Howard, Virtuelle Welten. Reisen im Cyberspace, Reinbek bei Hamburg 1995

- Rushkoff, Douglas, Chaos Kids. Oder das aufregende Leben in der Welt der Datenströme, München 1997

- Rushkoff, Douglas, Cyberia.Von Hackern, Technoschamanen und Cyberpunks, München 1995

 

 

 

 

aktualisiert: 18.07.2000